Autor Thema: Leserundenfazit, Rezensionen (ohne Spoiler)  (Gelesen 2163 mal)

Offline odenwaldcollies

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Ein wichtiger Punkt der Leserunden sind eure Rezensionen zum Buch und Meinungen zur Leserunde allgemein – daher legen wir viel Wert darauf, dass ihr zum Abschluß euer Fazit hier einstellt.

Zahlreiche Rezensionen hier und die Streuung auf anderen Seiten steigern bei den Verlagen und Autoren die Attraktivität von Leserunden.de: Denkt daran, dass die Rezensionen für die Verlage die "Gegenleistung" für die Freiexemplare sind.

Wir freuen uns, wenn der/die AutorIn ebenfalls ein Fazit zur Leserunde einstellt.

Bitte achtet darauf, nichts Wichtiges zu verraten. Diesen Thread lesen evtl. auch Personen, die das Buch noch nicht gelesen haben, aber es noch tun wollen!
Liebe Grüße
Karin

Offline buchregal123

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Da ich jetzt kurz verreise, hier meine Rezension, auch wenn ich jetzt etwas zu schnell bin:


Das Buch beginnt aus einer sehr ungewöhnlichen Sichtweise. Ein Haus berichtet von der Familie, die dort lebt. Dabei entwickelt das Haus eigene Gefühle und möchte eingreifen, wenn etwas nicht richtig läuft und es läuft einiges nicht richtig.
Die Tochter Elise, inzwischen verheiratet mit Chris, der für ein international tätiges Unternehmen tätig ist, folgt ihm auf seinen Karrierestationen. Auch nachdem die Kinder Leah und Sophie da sind, ziehen sie durch die Welt, leben in den verschiedensten Ländern und finden doch keine Heimat. Immer wieder zieht es sie auch nach Amerika zurück. Aber weder hier, noch sonst wo auf der Welt fühlen sie sich wirklich zu Hause. Man arrangiert sich mit den Verhältnissen und doch fehlt etwas. Dann stirbt Sophie, eine Welt bricht zusammen. Die Trauer bringt die Zurückgebliebenen aber einander nicht näher.
Die Geschichte wird aus immer anderen Perspektiven erzählt, wobei die Perspektive des Hauses wohl die außergewöhnlichste und emotionalste ist. Emotionen vermisse ich bei den Personen der Familie Kriegstein, zu sehr ist jeder mit sich selbst beschäftigt.
Die Perspektivwechsel erfordern es vom Leser, dass er sich immer wieder aufs Neue auf das Buch einlässt.
Man muss sich mit den Fragen auseinander setzen: Gibt es überhaupt noch Heimat in dieser globalisierten Welt? Was bedeutet es für Kinder so wurzellos aufzuwachsen?
Der Schreibstil ist ruhig und distanziert, so dass man die Geschichte ohne Wertung erleben kann. Man fühlt mit den Protagonisten und kommt ihnen doch nicht nah, denn manche Verhaltensweisen sind nicht so nachvollziehbar. Dafür verleitet es sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen und zwischen den Zeilen zu lesen.
Ein lesenswertes Buch, das einen nicht so schnell los lässt.
Liebe Grüße
Bruni

Offline odenwaldcollies

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Heimflug – eine ergreifende Familiengeschichte

Brittani Sonnenberg beschreibt in ihrem Debütroman eine amerikanische Familie, die durch die berufliche Tätigkeit des Vaters immer wieder die Wohnorte wechselt, ob in Amerika, Europa oder Asien.

Für die Mutter Elise Kriegstein sind die Ortswechsel eine willkommene Flucht vor den düsteren Erinnerungen ihres Elternhauses. Aber bald fühlt sie sich in der Ferne einsam, nur der regelmäßige Kontakt zu ihrer Mutter kann ihr Heimweh lindern. Wenn sie jedoch nach Mississippi heimkehrt,  sorgen stille Vorwürfe und Entäuschung dafür, daß sie so schnell wie möglich wieder flüchtet. Auch  mit ihrer kleinen Tochter Leah kann sie keine Sicherheit gewinnen und wird immer ruheloser.

Die Töchter Leah und Sophie wachsen ebenfalls zwischen den Kulturen auf, die Eingewöhnungsschwierigkeiten varriieren, aber man arrangiert sich früher oder später. Die Heimaturlaube in den USA werden immer sehnlichst erwartet, um sich dann zu fragen, wie sich für Expat-Kinder wie sie, eigentlich Heimat definiert, wenn man zwar auf der ganzen Welt zuhause ist, aber nirgends richtig dazugehört.

Ein tragischer Schicksalschlag innerhalb der Familie läßt ihre Mitglieder sich weiter voneinander entfernen, jeder versucht, seinen Schmerz mit sich alleine auszumachen. Der Verarbeitungsprozess ist schwierig, jeder trägt Schuldgefühle mit sich, die er vor den Anderen nicht eingestehen möchte.

Das Buch ist in vier Teile aufgeteilt: während im ersten Teil der Fokus auf die Elternhäuser von Elise und Chris Kriegstein liegt, verschiebt er sich immer weiter in Richtung von Leah und Sophie. Die Erzählperspektiven wechseln sich dabei ab, so daß der Leser die Gefühle und Gedanken aller Familienmitglieder erlebt. Die einzelnen Kapitel springen in der zeitlichen Reihenfolge hin und her, wie stückweise Erinnerungen. Dabei schafft es die Autorin, den Leser nicht zu verwirren, sondern mit Querverbindungen eine einheitliche Linie durch das Buch zu verfolgen.

Die Protagonisten sind sehr detailliert dargestellt: teilweise konnte ich ihr Handeln nicht nachvollziehen, das andere Mal hätte ich sie am liebsten in den Arm genommen und getröstet, und wieder ein anderes Mal hätte ich sie am liebsten geschüttelt, damit sie aufeinander zugehen und miteinander reden.

„Heimflug“ ist ein einfühlsames und eindrückliches Buch über das Leben zwischen den Kulturen, und beschäftigt sich mit der Frage, ob es bei einem solchen Leben überhaupt eine Heimat für die Betroffenen geben kann.

Zur Leserunde:
Wir sind zwar eine relativ kleine Runde, aber es war dennoch spannend, eure Gedanken und Eindrücke mit meinen eigenen zu vergleichen.

Meine Rezension erscheint bei:
Amazon
Großes Literaturschock-Bücherforum
LovelyBooks
Liebe Grüße
Karin

Offline bookstars

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INHALT
Familie Kriegstein ist ständig unterwegs. Der Vater arbeitet für ein internationales Unternehmen uns ist immer woanders im Einsatz. Seine Frau und Töchter ziehen mit ihm – von Amerika nach Europa und Asien. Was bedeutet Zuhause, wenn es an keinen Ort mehr gebunden ist?
Ein vielstimmiger, magisch-eleganter Roman über das Lebensgefühl unserer Zeit und die Bedeutung von Heimat in einer global gewordenen Welt. (Arche-Verlag)

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Debüt „Heimflug“ ist der amerikanischen Autorin Brittani Sonnenberg ein eindrucksvoller Roman gelungen, der sich mit dem Schicksal der amerikanischen Familie Chris und Elise Kriegstein und ihren beiden Töchtern Leah und Sophie beschäftigt.
Durch den Beruf des Vaters als CEO eines internationalen Unternehmens spielt sich ihr Leben im Ausland fernab ihrer eigentlichen Heimat Amerika auf verschiedenen Kontinenten ab und ist mit ständigen Wohnortwechseln verbunden.
Hinter Fassade einer vermeintlich glücklichen Vorzeige-Familie erleben wir Menschen, die mit einer Mischung aus ständigem Heimweh, einer zunehmenden Entfremdung von ihrer eigentlichen Heimat, dem Gefühl tief greifender Entwurzelung und gleichzeitigem Fernweh zu kämpfen haben und sich nirgends wirklich zuhause fühlen können.
Durch einen tragischen Schicksalsschlag droht die Familie vollends auseinander zu brechen. Sehr anschaulich beschreibt die Autorin, wie jeder aus der Familie seinen ganz individuellen Weg beschreitet, um mit dem furchtbaren Verlust und der übergroßen Trauer fertig zu werden.
Für ihre Geschichte hat die Autorin unterschiedliche und ständig wechselnde Sichtweisen gewählt, die es dem Leser anfangs etwas schwer machen sich auf die Erzähler einzustellen. Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten, nicht ganz chronologisch und immer wieder durchbrochen von Zeitsprüngen, erzählen uns nicht nur die verschiedenen Familienmitglieder und Angehörigen ihre Geschichten und Erlebnisse, sondern sogar Elises Elternhaus berichtet über seine Erinnerungen. Die zahlreichen Perspektiven machen den Erzählstil sehr abwechslungsreich und fesselnd. Gleich bruchstückhaften Gedanken- und Erinnerungsfetzen beginnt man die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzufügen, um sich den Protagonisten immer mehr anzunähern und ein einheitliches, vielschichtiges Bild von ihnen und ihrem Leben zu erhalten. Die anfänglich sehr distanzierte und nüchterne Erzählweise wird durch den Wechsel in die Ich- Perspektive persönlicher, wodurch dem Leser immer tiefere Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten gegeben werden und er sich den Figuren und ihren Beweggründen immer weiter annähern kann. Viele Dinge werden allerdings lediglich angerissen und bleiben im weiteren Verlauf in der Schwebe, so dass ich mir manchmal auch eine Konkretisierung gewünscht habe.
Sehr vielschichtig sind die verschiedenen Figuren mit ihren familiären Hintergründen gezeichnet, die charakterlich sehr unterschiedlich angelegt sind und sich im Laufe der Handlung weiterentwickeln. Einige blieben mir allerdings bis zum Ende hin fremd, in andere konnte ich mich sehr gut hineinversetzen, ihre Gründe für ihre persönlichen Fluchten verstehen und mit ihnen fühlen. Sehr plastisch führt uns die Autorin die besondere Situation vieler Expat-Kinder vor Augen, so dass man gut nachvollziehen kann, mit welchen Problemen die Kinder ungefragt mit ständig wechselnden Umgebungen und Kulturen konfrontiert werden und wie nachhaltig sie diese Entwurzelung ihr ganzes Leben prägen kann.
Sonnenbergs ausdrucksstarke, anspruchsvolle Sprache lässt sich sehr angenehm lesen und passt zu ihrem eindringlichen Erzählstil.

FAZIT
Ein thematisch interessanter, bewegender und nachdenklich stimmender Familienroman, der sich intensiv mit der Bedeutung von Heimat in einer global gewordenen Welt befasst und uns sehr anschaulich und überzeugend die Auswirkungen eines Expat-Lebens für eine Familie vor Augen führt.


Offline odenwaldcollies

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Die Leserunde läuft nun seit rund 4 Wochen, inzwischen ist es sehr ruhig geworden - bis auf AddictedToBooks sind auch alle mit dem Buch durch. Daher möchte ich die Leserunde allmählich beenden und euch bitten, die fehlenden Rezensionen noch einzustellen  :winken:

Ich danke allen Teilnehmer für eure Beiträge in dieser Leserunde mit einem sehr spannenden Thema - ein herzliches Dankeschön an dich, Brittani, daß du dich für unsere Fragen zur Verfügung gestellt hast. Ich hoffe, die Leserunde hat dir ebenfalls gefallen.
Liebe Grüße
Karin

Offline dubh

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Hallo,

ohje, ich bin richtig, richtig spät... :-[ Noch dazu fiel mir die Rezension nicht ganz leicht.


Brittani Sonnenbergs Debüt erzählt von Kindern und ihren Eltern, die durch die halbe Welt gezogen sind, weil sie beruflich immer wieder in unterschiedlichen Ländern gearbeitet haben. Was sich auf den ersten Blick vielleicht noch spannend anhören mag, führt vermutlich bei nicht wenigen dieser "Expats" dazu, sich zu fragen, was und wo vor allem Heimat ist.

Elise, die Mutter von Sophie und Leah, sieht in den häufigen Umzügen zwischen Amerika, Asien und Europa eine Art Fluchtweg. Sie will weit weg von der Enge ihres Elternhauses in Mississippi und den Erfahrungen aus ihrer Zeit als Kind. Chris, ihr Mann, der für ein internationales Unternehmen arbeitet, treibt eher das Fernweh an. Während er sich über beruflichen Erfolg freuen kann und das unstete leben im Grunde genießt, kann seine Frau nicht wirklich Gutes daran finden. Sie ist einsam und fühlt sich wieder einmal alleine gelassen, wie schon in ihrer Kindheit. So ist Elise letzten Endes auch ziemlich überfordert, als ihre Tochter auf die Welt kommt. Doch auch wenn ich mich gefragt habe, warum, so bringt sie zwei Jahre später noch ein zweites Kind zur Welt. Auch die Mädchen, eines in den USA, eines in Hamburg geboren, haben recht schnell mit einer Art "Entwurzelung" zu kämpfen. Als die Familie dann in Asien einen schweren Schicksalsschlag erleidet, droht sie gänzlich daran zu zerbrechen…

Die Geschichte ist nicht einfach zu beschreiben. Es ist kein einfaches Thema, zumal die Vorzeichen für die Geschichte der Familie schon nicht allzu gut stehen. Um ehrlich zu sein, habe ich noch nie so ein Buch oder etwas Vergleichbares gelesen. Die Figuren kämpfen mit Sehnsüchten, Einsamkeit, Trauer, Verletztheit und letzten Endes auch mit sich selbst. Es ist eine Suche nach Geborgenheit, nach etwas, das Heimat sein kann - und damit meine ich kein Land. In diesem Buch geht es um die eigene Verwurzelung und die Tatsache, zu begreifen, dass jemand aus der eigenen Familie seine Wurzeln vielleicht anders definiert. Teilweise erinnert mich das Buch schon fast an eine Art Charakterstudie, denn das (emotionale) Innenleben der Figuren bekommt großes Gewicht. Zudem bekommt jede Blickrichtung einen eigenen Raum - denn jeder darf erzählen. Anfangs ist dieser Perspektivwechsel sehr ungewohnt, aber ich muss sagen, dass gerade diese Facette des Romanes mich sehr beeindruckt hat. Gerade auch, weil nicht nur die direkt "Betroffenen" berichten, sondern auch die Eltern oder - noch ungewöhnlicher - das Haus, in dem Elise ihre Kindheit verbracht hat.

Der Erzählstil ist wirklich besonders und hat mich ziemlich beeindruckt. Eine Tatsache, die mich das Buch gerne hat lesen lassen - auch wenn mir das Thema manchmal zu weit weg war. Ich denke, dass Brittani Sonnenberg einen sehr persönlichen Roman verfasst hat, dessen Figuren nicht immer hundertprozentig nachvollziehbar handeln, aber das müssen sie auch nicht. Es hat mich allerdings dazu gebracht, über ein Leben nachzudenken, über das ich mir bislang nie Gedanken gemacht habe. Und wenn, dass hätte ich es mir auch eher aufregend und interessant vorgestellt.

Fazit: Nicht ganz einfach zu lesen - was anfangs am ungewöhnlichen Stil liegt, dann aber am Thema an sich.


Liebe Grüße
dubh
"Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen."
(Theodor W. Adorno)

Offline Dani

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Die Geschichte beginnt mit einem Kapitel aus sehr ungewöhnlicher Perspektive. Ein Haus erzählt über das, was in seinen vier Wänden so passiert. Elise, die Tochter der Familie, wird missbraucht, ihre Mutter Ada will es nicht wahrhaben, obwohl sie selbst ähnliche Erfahrungen machen musste. Das Haus kann nur die Rolle des stummen Beobachters spielen und ab und an einen Lufthauch oder einen Sonnenstrahl in die richtige Richtung lenken, um seinen Bewohnern zu helfen. Ein sehr interessanter Einstieg in das Buch!

Im weiteren Verlauf geht es hauptsächlich um Elise. Sie heiratet Chris Kriegstein, der für ein internationales Unternehmen arbeitet. So kommen sie in der ganzen Welt herum, Chris arbeitet in Deutschland, England, dann wieder in den USA, später in Asien. Die Autorin schildert das Leben der Expats in den verschiedenen Ländern anhand dieser Familie. Chris und Elise entfremden sich einander, obwohl sie zwei gemeinsame Töchter haben. Ein schwerer Schicksalsschlag macht das Leben der Familie noch schwieriger.

Immer wieder wechselt die Autorin die Perspektive, lässt mal ein Kapitel aus der Sicht der verschiedenen Familienmitglieder erzählen, mal aus Sicht eines Außenstehenden, mal als Ich-Erzähler, mal in anderer Form. Auch wird keine chronologische Reihenfolge eingehalten, sondern die Handlung springt immer wieder in der Zeit.

Das Buch liest sich dadurch nicht ganz einfach, hat aber auch irgendwie einen besonderen Reiz dadurch, dass sich das Bild erst nach und nach immer mehr zusammensetzt. Dennoch blieb für mich immer eine gewisse Distanz zu den Figuren, keine kam mir wirklich nahe und ich habe die ganze Zeit eher über sie gelesen als mit ihnen. Dennoch fand ich die Geschichte und die Erzählweise irgendwie faszinierend und bin froh, das Buch gelesen zu haben!
Liebe Grüße
Dani

 

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